|
Mittwoch 17. Juni 2026
abendliche Mittsommer-Weinsession auf der Terrasse (ab 20:15)
Es ist ein wunderschöner und heller Abend, die Sonne im Westen (ich sitze entgegengesetzt) blendet mich noch zu viel, sodass ich den Schirm meiner US-Baseball Cap noch etwas runter ins Gesicht drücken muss.
von meinem kleinen Musikgerät über Kopfhörer höre ich ein Lied von Phil Collins von 1989/90:
“Oh, think twice, ’Cause it’s another day for you and me in paradise.” https://www.youtube.com/watch?v=Qt2mbGP6vFI
[ich persönlich finde das Lied so gut, weil es mir klar macht, wie wertvoll jeder Tag ist, an welchem man nicht schwer beschädigt ist, und relativ frei und unbeschwert leben kann.
Bzgl. des konkreten Liedtexts, dass jemand an einer hilfesuchenden obdachlosen Frau scheinbar achtlos vorübergeht, eine kleine Story: Ich lebte 1 Jahr in Indien (1969/70) und dort gibt es immer wieder Leute, die einem (als Touristen) anbetteln. Eines Abends ging ich mit dem Chefredakteur der Wochenzeitung 'Blitz' durch die Innenstadt von Bombay, wobei uns eine Frau mit einem Baby auf dem Arm anbettelte, die offene Hand hinhielt, die frei war, und "Paisa, Paisa" (Geld, Geld) sagte. Ich gab ihr eine Münze. Der Journalist, ein wirklich weltoffener und gutartiger Mensch, war voll entsetzt. Vermutlich, weil man die Bettler nicht daran gewöhnen soll.]
__________________________________
¾ Stunde, also 9 Uhr: Die Sonne sinkt hinter den Baum hinten rechts, sodass ich meine Baseball-Cap endlich abziehen kann.

Ich höre von David McWilliams The Days of Pearly Spencer von 1967 mit seinem telefonartigen Refrain (oder tief aus einem Gully herauskommend).
Für mich persönlich ist die entscheidende Stelle:
"You played and lost, not won
You played a house that can′t be beat
Now look your head's bowed in defeat
You walked too far along the street
Where only rats can run"
Also hat er zu hoch gepokert und jetzt gehts ihm dreckig, ähnlich wie Joachim Witt’s Neue Deutsche Welle-Lied: "Ich war so hoch auf der Leiter, doch dann fiel ich ab!"
Was der Text von Pearly Spencer sagt, ist noch etwas schärfer formuliert als der zu hoch auf der Leiter-Text. Pearly war einer Art Spielleidenschaft verfallen, und auf Dauer führte ihn das zum Ruin. (Das schließt nicht aus, dass auch der goldene Reiter einem Spiel verfallen war, bei dem er auf Dauer prinzipiell nicht gewinnen konnte). Man kann das mit einer Spielbank vergleichen, wo etliche spielsüchtige Roulette-Spieler schießlich im Ruin landeten. Man spielt also in einem System das in the long run, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf Verlust abonniert ist.
Ich hab mich mal mit einem türkischen Kellner in Nordcypern unterhalten, der mir seine Untergangsgeschichte in dt. Spielcasinos erzählte; heute Abend geht er wieder ins Spielcasino in Chania, um dort mit meinem Trinkgeld am Automaten zu spielen. Er war so ein Looser, der vorher einen satten Gewinn im Casino hatte. Er hatte zu dieser Zeit ein Haus und eine Familie in Deutschland. Jetzt ist er nur noch ein lonely devil, der sein Leben als Kellner fristet. Es ist das 'System, in das er sich verwickelt hat, das prinzipiell der Schuldige ist und der Spieler prinzipiell, zumindest sehr wahrscheinlich, der Verarschte ist.
Und warum hat mich diese Pearly Spencer-Musik immer wieder mal so erfasst, dass ich es x-mal hintereinander hörte? Jetzt denke ich, weiß ich es: Weil ich jetzt kapiert habe, dass dieses Spielcasino-Prinzip auch bei Leuten zutrifft, die bei ihrer realisierten ‚Großen Liebe‘ gleichzeitig der Sexualreligion anhängen. Sie werden tendenziell auf Dauer unglücklich, und beide ‚Partner‘ sehen sich gegenseitig als die Schuldigen. Dabei ist es das Glaubenssystem, in das sich beide verwickelt haben, das die eigentliche Schuld trägt an den individuellen Fehlentscheidungen.
Schlimm, wird es dann, wenn die Betroffenen nicht lernfähig sind: Der türkische Kellner wusste, dass er schon verloren hat – und trotzdem geht er wieder rein ins Casino mit meinem Trinkgeld. mit dem letzten Rest Hoffnung, mit dem Gefühl:
„Vielleicht diesmal. Vielleicht dreht sich das Schicksal.“
Ich möchte noch kurz auf die folgende Liedstelle eingehen: „The street where only rats can run“. – Eine solche Straße ist eine Metapher für den Zustand der sozialen Marginalisierung eines solchen Menschen. Er/sie lebt nicht mehr richtig menschlich. Auf einer solchen Straße laufen normale Menschen nicht mehr selbstbewusst entlang: „Now look your head's bowed in defeat“ (von der Niederlage gebeugt).
1 ¼ Stunden, halb 10: Die Sonne startet zum Untergehen. Es ist noch eine ‚gute‘ halbe Flasche Wein übrig.

Ich höre von Gary Moore - Still Got the Blues (for you) von 1990
Used to be so easy to give my heart away
But I found out the hard way
There′s a price you have to pay
I found out that love was no friend of mine
I should've known time after time
So long
It was so long ago
But I′ve still got the blues for you
Used to be so easy to fall in love again
But I found out the hard way
It's a road that leads to pain
I found that love was more than just a game
You're playin′ to win, but you lose just the same
So long
It was so long ago
But I′ve still got the blues for you
So many years since I've seen your face
But here in my heart, there′s an empty space
Where you used to be
So long
It was so long ago
But I still got the blues for you
Though the days come and go
There is one thing I know
I've still got the blues for you
Ich denke, der Text spricht für sich selbst. Hier ist jemand, der unglücklicherweise seiner ‚Großen Liebe‘ nachtrauert, weil er noch nicht kapiert hat, dass er in einem System gefangen ist, aus dem er sich befreien sollte, wenn er die Geschichte wirklich hinter sich bringen will: nämlich in dem Glaubenssystem der Sexualreligion. Es ist wieder analog wie bei Pearly Spencer:
Used to be so easy to fall in love again
But I found out the hard way
It's a road that leads to pain
I found that love was more than just a game
You're playin′ to win, but you lose just the same
[aber du verlierst schließlich doch]
Ich bin jetzt bei 1 ¾ Stunden, d.h. bei 10 Uhr. Jetzt ist Fledermauszeit. 2 davon schwirren links bei dem hohen Baum umher. Ich habe noch eine ‚schlechte‘ halbe Flasche Wein.
_______________________________
Nach 10 sieht man bald eine klare Mondsichel und ein kleines Stück über ihr, den Abendstern.
Meine freihändigen Fotos sind alle mehr oder minder verwackelt. Unten ist das einzige Foto, das halbwegs passabel die Sache rüberbringt; ‚halbwegs‘, weil eine Wolke den oberen Teil der Sichel verschluckt.

Es sind jetzt 2 ¼ Stunden rum, also halb 11. Ich habe noch ¼ Liter Wein unter dem nächtlichen Mittsommerhimmel.
Ich höre ein Jugend- und Fahrtenlied (das in der Zeit der 20er Jahre in Blüte stand), das ich von den frühen Fifties (wahrscheinlich von meiner Pfadfinderzeit) her kenne: Jenseits des Tales standen ihre Zelte. Das Lied wurde 1965 von Heino als Schallplatte produziert und fand damals großen Anklang – wahrscheinlich bei jenen, die mit solcherart Liedgut vertraut waren. Das Lied war von ihm ziemlich gut gesungen. Auch den Chor zum Schluss finde ich echt gut. Nur dass die Endungen (die letzten beiden Worte) bei den einzelnen Strophen, also die melodische Schlussbewegung fallend ist, statt auf derselben Tonhöhe zu bleiben. Das stört mich leider.
Barbara kennt dieses schöne Lied noch vom abendlichen Dünen-Singen in den Sixties & Seventies in ihrer Kindheit und Jugendzeit beim regelmäßigen Sommerurlaub ihrer Familie auf der Nordsee-Insel Langeoog.
Bild aus Langeoog News
Jenseits des Tales standen ihre Zelte Zum roten Abendhimmel quoll der Rauch Das war ein Singen in dem ganzen Heere Und ihre Reiterbuben sangen auch
Sie putzten klirrend am Geschirr der Pferde Es tänzelte die Marketenderin Und unterm Singen sprach der Knaben einer: ‚Mädel, du weißt wohin der König ging
Diesseits des Tales stand der junge König Und griff die feuchte Erde aus dem Grund Sie kühlte nicht die Glut der heißen Stirne Sie machte nicht sein krankes Herz gesund
Das war in den frühen fifties ein gängiges Lied bei Jugendgruppen. Die wichtigste Stelle ist natürlich die, wo die Marketenderin daher tänzelt und einer der Reiterburschen ihr sagt: "Mädel du weißt wohin der König ging". Dann wird der junge König (diesseits des Tales) eingeblendet, also: "diesseits des Tales stand der junge König, er holte feuchte Erde aus dem Grund, sie kühlte nicht die Glut der heißen Stirne, sie machte nicht sein krankes Herz gesund." Das war für mich 13 jährigen Jungen (Mitte der Fifties) sehr berührend. Ich weiß noch wo ich es auf einem Waldweg vor mich hinsang.
Es war im Knüllgebirge, wo ich mit meiner Schulklasse war, Als ich morgens aufwachte, waren die schon weg und ich machte mich auf den Weg, um den Anschluss zu finden, was natürlich Quatsch war in so einem fremden Gebiet. Natürlich hab ich die nicht wiedergefunden.
Auf dem Bild ist ganz im Hintergrund dieser Wald
Was ich im Nachhinein an dieser Story interessant finde, dass ich erstens diesen Erinnerungsspot noch immer parat habe: es gibt so ganz spezielle, existentiell bedeutsame Erinnerungen. Und zweitens, warum habe ich diese Erinnerung? ich denke – believe it or not – ich muss wohl damals schon unbewusst geahnt haben, in welche Richtung mein Leben steuert – eben in die des ‚Jungen Königs‘ à la Gary Moore (siehe oben).
_______________________________
Nach 3 ¼ Stunden, also um ½ 12, kam Barbara von einem Elternabend des Kinderladens Gießen, diesmal in freier Natur bei Krofdorf im Wald, zurück, und setzte sich zu mir. Ich hatte noch einen letzten Rest Wein. Um Mitternacht war dann Schluss mit meiner Mittsommerabend-Session.
Natürlich hatte ich noch eine Menge anderer Musik an diesem Abend gehört. Z.B. war eines der für mich besonderen Lieder Gordon Lightfoot – Wreck of the Edmund Fitzgerald von 1976.
__________________________
näheres zum Autor hier.
|