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Untergang Alt Gießen

 

                

 

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Zitate aus dem Buch “Der Untergang des alten Gießen”

 

 

Maria Kreiling 1976:

 

Jetzt wissen wir, daß ein Dritter Weltkrieg den Zweiten an Grausamkeit und Unmenschlichkeit weit übertreffen würde. Daß die hohen Verluste unter der Bevölkerung kaum auszudenken sind, sofern es überhaupt Überlebende geben kann. Deshalb habe ich meine Erlebnisse aus der Erinnerung aufgeschrieben. Es ist sicherlich gut, daß man solch schlimme Ereignisse sein ganzes Leben nicht vergessen kann. Deshalb sollte es uns Älteren eine Pflicht sein, zu warnen und immer wieder zu warnen. (S. 71)

 

Elisabeth Lenz 1994:

 

Dieser wilde Schmerz und diese Trauer, die mich da befielenl, begleiten mich seither und bewegen mich noch heute, nach fünfzig Jahren, zutiefst. Häuser kann man wieder aufbauen, aber die Menschen kann man nicht ersetzen. Wer so etwas nicht an eigenem Leib verspürt hat, der kann nicht nachvollziehen, was das bedeutet. Das schlimmste Wort, das es überhaupt in der Sprache gibt, ist „Krieg“. (S.73)

 

Renate Werner

 

Ich erinnere mich noch sehr genau, daß ich eines Tages in Gießen in den Seltersweg ging, und ich weiß auch noch, daß ungefähr bei der Plockstraße beginnend bis rauf zum Kreuzplatz eine regelrechte Berglandschaft entstanden war. Man kletterte Trümmerberge hinauf und wieder hinunter. Nichts erinnerte mehr an unsere schöne alte Stadt. Es war ein Trümmerfeld. Alles war zerstört. (S. 114)

 

Dr. Hermann Otto Vaupel (Gießener Anzeiger Dezember 1978)

 

Vergeblich versuchte ich dann, weiter zum Bahndamm zu gelangen. Auch mit gesenktem Kopf war es fast unmöglich, gegen den brausenden Feuersturm und den stiebenden Funkenregen anzugehen, die durch die Schlucht zwischen den brennenden Häuserwänden tobten. Die Straße war übersät mit Mauerbrocken, die herabgestürzt waren, man mußte hinüber über über brennende Balken und ein Gewirr verbogener Rohre und glühender Drähte, die von den zerborstenen Wänden herabhingen, und Haufen von Glasscherben. (S. 134)

 

Georg Edward

 

24. Dezember 1944. Sonntag und Weihnachten und feindliche Geschwader den ganzen Tag. Um 3 Uhr nachmittags beobachtete ich nicht weniger als vierzig Geschwader, die in unserer Nähe vorüberflogen. Abends hatten wir Weihnachtsbescherung, die Irene veranstaltete. Aber es war traurig und rührend, wenn man die Leute ansah, die hier aus aller Welt zusammengeweht waren. Anita, die neben mir stand, hielt meine Hand und weinte, während das Grammophon „Stille Nacht, heilige Nacht“ spielte. Und ringsum Mord, Zerstörung, Blut, Krieg, Krieg, Krieg! „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ (S. 176)

 

Natalie Euler

 

Wir gehen nach Hause. Das Haus ist beschädigt. Zwei Fenster hat es herausgerissen, ein Stück Dach ist heruntergefallen. Eine Bombe hat unter dem Dach gezündet. An verschiedenen Stellen bricht das Feuer aus. Ich klettere hinauf und lösche mit einer Handspritze. Meine Mutter steht unten im Hof und ruft mir zu, wo ich spritzen soll. Ich habe Brandwunden im Gesicht und an den Händen.

Herr Jacobi ist inzwischen weggegangen. Vielleicht wollte er seinen Sohn suchen, der, wie wir später erfahren, in der Werrastraße ums Leben gekommen ist. Inzwischen braust über der Stadt ein Feuersturm. (S. 177)

 

Heinrich Lich

 

Es hatte keinen Zweck mehr. Jeder Versuch, länger in der engen Innenstadt zu bleiben, wäre Selbstmord gewesen. Luftmangel und Hitze hätten das Ende bedeutet. Wir sahen das ein, nahmen einige bereits zusammengepackte Sachen und verließen schweren Herzens das Haus. Es war höchste Zeit. Durch die Sonnenstraße kamen wir noch einigermaßen gut hindurch zum Kanzleiberg, obwohl die Häuser links und rechts lichterloh brannten. Das Alte Schloß, das alte Gebäude der Feuerwehr am Brandplatz standen in Flammen. Ich habe heute noch den Anblick des brennenden Turmes dieser alten Feuerwache vor Augen. (S. 186/187)

 

Wolfgang Müller (1994)

 

An dem Tag brannte die Universität, vor allen Dingen die Aula. Plötzlich waren da gefangene Franzosen, geführt von einem Nazi, der mit einer Pistole hinter ihnen herging. Er trieb sie dort hinein, damit sie Zeug herausretten sollten. Immer wieder mußten sie in die Flammen hinein. Ich weiß noch, daß ein Schwarzer dabei war, der nicht mehr konnte. Er wurde eiskalt erschossen. Wir, und auch noch viele andere, standen sozusagen als Zuschauer herum. Es hieß, die Gefangenen seien in einem Gefangenenzug auf dem Bahnhof gewesen und wären dort irgendwie freigekommen. Der Parteimann hätte sie dort aufgegabelt und für diese Arbeiten eingespannt. (S. 194/195)

 

Ferdinand Walther (1994)

 

Aber wie ich dann später herausgegangen bin, habe ich direkt vor unserem Kellerfenster [des Luftschutzkellers, in welchem er sich aufhielt] zwei Kaventsmänner von Blindgängern liegen sehen! Da hat mir das Herz bis zum Hals geschlagen. Wenn die noch explodiert wären, wäre heute nichts mehr von mir übrig.

Nach dem Angriff habe ich mein Rad gesucht und gefunden. Auf dem Heimweg nach Bettenhausen habe ich es aber mehr tragen müssen als fahren zu können. Die Ludwigstraße brannte, die Universität brannte, Bäume lagen auf der Straße, manchmal auch Feuerflecken von Phosphor, die brannten dann mitten auf der Straße. Und wie es in Gießen aussah! Oben auf der Frankfurter Straße sah man Lokomotiven mitten auf dem Gelände liegen. Lokomotiven! 36-Zentner-Minen sind da heruntergegangen.

Gießen war eine schöne Stadt gewesen. „Gartenstadt“ nannte man sie, und es gab ein gutes Nebeneinander von Bürgern, Studenten und dem Militär. Doch nun war Gießen ein einziger Trümmerhaufen.

Als ich dann in Bettenhausen ankam, war für mich erst einmal der Krieg aus. Ich möchte das nie mehr erleben - nie mehr.

 

Irmgard Osterwald. geb. Schonebohm (Brief 17.1.45)

 

Es gibt immer noch kein Wasser und kein Licht in der Iheringstraße. An Gas ist vermutlich gar nicht mehr zu denken. Wie mir Vater sagte, ist die Wohnung Deiner Großmutter in der Kaiserallee auch ausgebrannt und Deine ererbten Sachen mit. Du kannst Dir gar keine Vorstellung machen, wie Gießen aussieht. Nach amtlicher Mitteilung sollen 93% des gesamten Wohnraums zerstört und beschädigt sein. Die Neustadt z.B. ist ein großer Schutthaufen. Mäusburg, Kreuzplatz, Kaplansgasse, Marktstraße, Marktplatz usw. ebenfalls. Der Seltersweg geht noch vom Selterstor bis etwa Goethestraße. (S. 230/231)

 

Frau Salzinger (1994)

 

Man hat ja immer geglaubt, daß sowieso nichts passiert.

An demselben Tag sah ich Militärfahrzeuge, beladen mit Leichen, die weder zugedeckt waren noch sonst was, hoch zum Friedhof fahren. Es war für mich entsetzlich, so ein paar Beine und Arme da kreuz und quer auf der Ladefläche liegen zu sehen. Aus welchem Viertel sie kamen, das wußte ich als Kind nicht. Ich schätze aber, daß sie aus den am schlimmsten betroffenen Stadtteilen waren, also wohl aus der Stadtmitte. (S. 233)

 

Albert Schöndorf

 

Ich spürte die Bomben fallen. Manchmal kündigten sich die Detonationen durch einen gezogenen Heulton an. Manche Einschläge waren in unmittelbarer Nachbarschaft; es krachte, und der Boden und die Wände zitterten. Ich glaube, nie in meinem Leben habe ich grauenvollere und schrecklichere Stunden erlebt. (…) Der Lärm der Flugzeugmotoren, der für eine kurze Zeit abgenommen hatte, schwoll wieder an. Die zweite Welle kam. Es knallte und krachte erneut. wir duckten uns tief hinunter, ich verkrampfte – nein, da war sicherlich keiner in dem engen Kellerschlitz, der nicht zitterte und der nicht Angst hatte. (S. 234)

 

Klara Schössler

 

Ich könnte noch über viele Schrecken und Leiden der Kriegs- und Nachkriegszeit berichten, aber ich kann nicht mehr schreiben, weil ich mit großer Angst in die Zukunft sehe, denn ich habe Kinder und Enkelkinder, sowie viele liebe Menschen. So etwas sollen sie nicht erleben. Selbst bin ich jetzt bald 76 Jahre alt und kann nur immer wieder reden und reden, daß dies unvorstellbar Schreckliche nicht mehr geschehen möge. (S. 237)

 

Nicolaus Schmidt (1994)

 

Durch die Bombenangriffe hat Gießen vor allem eine gewisse Beschaulichkeit in der Innenstadt verloren. Das Rathaus, mehrere Fachwerkbauten und auch die klassizistische Stadtkirche verliehen dem Stadtkern – vor allem am Marktplatz, am Kirchplatz und an der Mäusburg – eine romantische Atmosphäre. Auch das Bahnhofsgebäude und der Bahnhofsvorplatz waren ein gelungenes Ensemble. Dort und am Selterstor standen schöne Kaffeehäuser. Von dem Charakter der Stadt her konnte man sich also in Gießen wohl fühlen. Gießen war damals im wesentlichen Universitäts- und Garnisonsstadt. Jetzt ist es eine Stadt ohne eigenständigen Charakter. (S. 260)

 

Margarete Fehrs (1994)

 

Diesmal kamen wir nicht ungeschoren davon. Große Mengen von Luftminen, die schrecklich heulten, wurden über dem Stadtgebiet abgeworfen. Es krachte und dröhnte. Die Hausbewohner saßen angstvoll im „Luftschutzkeller“, einem speziell hergerichteten Raum.

Die Kellerdecke war mit schweren Balken mehrfach abgestützt worden. Zwei Doppelstockbetten standen rechts und links an der Wand, auch mehrere Sitzgelegenheiten. Im Regal lagen Kerzen, Streichhölzer, Taschenlampen, Behälter mit Trinkwasser wurden jeden Tag erneuert. Das Kellerfenster war mit Sandsäcken abgedichtet, die vorschriftsmäßige Luftschutztür aus Stahl fehlte nicht. (S. 271)

 

Margarete Reinheckel (1994)

 

Aus Berlin kommend, empfanden wird Gießen als eine schöne Stadt, als eine romantische Stadt. Die Gießener sagten immer: „Weil Gießen Universitäts- und Klinikstadt ist, da gibt’s keinen Angriff. Wir haben überall das rote Kreuz auf den Dächern“. Auch wir wurden leichtsinnig; ich habe sogar Gardinen aufgehängt. Die Gießener hatten aber übersehen, daß Gießen Eisenbahnknotenpunkt war. (S. 276)

 

Und was haben sie aus Gießen gemacht! Es ist zusammengestoppelt worden von denjenigen, die ein bißchen Geld oder ein bißchen Beziehungen hatten. Gucken Sie den Kreuzplatz oder den Marktplatz an! Da ist kein Stil mehr drin. Es ist Stückwerk. Und Gießen war einmal eine schöne, romantische Stadt – wie noch in der Löberstraße oder in der Landmannstraße zu sehen ist. (S. 278)

 

Margot Graef (1979)

 

    Sie war einmal schön, meine Stadt.

    Mit alten Fachwerkhäusern,

    Schmalen Straßen und engen Gassen,

    Voller Geborgenheit

    Und pulsierendem Leben.

    Was hat man aus dir gemacht!

 

(S. 338)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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