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Erich Fromm

 

23,04,27

 

Erich Fromm

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(Lizenz – siehe Wikimedia)

 

 

Ich beziehe mich im Folgenden auf das Buch:

Erich Fromm: Über die Liebe zum Leben. Rundfunksendungen herausgegeben von Hans Jürgen Schultz. – Lizenzausgabe des Bertelsmann Club von der DVA; o.J. (DVA 1983).

Obwohl ärgerlicherweise das Buch eine Menge Laber enthält – Fromm hat seine Rundfunkreden frei ohne Manuskript gehalten – finden sich in dieser 184-Seiten Schrift trotzdem eine Menge wertvollster Edelsteine verborgen. Auf eine wenige davon möchte ich jetzt ganz speziell hinweisen:

1.) Dass konfligierende Ziele und entsprechende Widersprüchlichkeit neurotisierend auf die betreffende widersprüchliche Person wirken. (S.53)

2.) Das Thema Verdrängung und der heftige Widerstand („Ärger, Wut, Aggression“, Davonlaufen) eines Menschen gegen die Aufdeckung seines psychisch von ihm verdrängten Lebensproblems, wodurch er sich selber seine Weiterentwicklung (in der Haltung von Wahrhaftigkeit) verstellt. (S.96ff.)

3.) Der Intellektuelle hat nach Fromm die gesellschaftliche (politische) „Funktion eines kompromißlosen Verfolgens der Wahrheit ohne Rücksicht auf eigene oder andere Interessen.“ (S.142)

4.) Erich Fromms nähere Erläuterungen in einem Gespräch mit Jürgen Schultz (dem Herausgeber) über die Methodik der wissenschaftlichen Untersuchung zum Widerstandspotential gegen die NS-Bewegung, die 1930 maßgeblich von Erich Fromm im Auftrag des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (‚Frankfurter Schule‘) durchgeführt wurde. (S.133ff.) Diese Untersuchung wurde 1980 veröffentlicht mit dem Titel „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“. Neuverlegt im Psychosozial-Verlag Gießen, 2019.

5.) Ein weiteres Thema ist der erstaunlich gute und interessante Aufsatz „Die Aktualität der Prophetischen Schriften“ (S.163ff.). Usprünglich wollte ich diesen Text erst gar nicht lesen. (Denn ich hab grundsätzlich ein Vorurteil gegen ‚Propheten‘). Jedoch sollte man in diesem Falle dazu wissen, dass Fromm einer streng orthodoxen Familie „mit lange zurückreichenden rabbinischen Ahnen auf beiden Seiten“ (S.121) entstammt und sich mit Bibeltexten bestens auskennt. Nach seiner Darstellung waren die ‚Propheten‘ lediglich Warner, welche dem Volk Alternativen vorlegten, sodass es sich nun jeweils frei für die eine oder die andere der Alternativen entscheiden konnte.

Man kann dies etwa vergleichen mit der folgenden Zeichnung. (Meines Ermessens ist die Alternative in der Zeichnung heutzutage insbesondere bezüglich des gegenwärtigen Ukrainekriegs anwendbar):

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In diesem Aufsatz von Fromm kommt aber auch noch ein anderes Thema zum Tragen. Im Gegensatz zur üblichen politikwissenschaftlichen Verachtung jedes „Messianismus“ (beispielsweise der Sozialismus als politischer Messianismus ist damit der direkte Weg in den Totalitarismus), sieht dies Erich Fromm vollkommen anders. Er schreibt: „Vielleicht am wichtigsten für die Weltgeschichte von all dem, was die Propheten gesagt haben, ist die Vision der messianischen Zeit. Das war eine einmalige, eine neue Vision, die eine Quelle von ungeheurer geschichtlicher Fruchtbarkeit geworden ist: die Idee der <Heilung>, des Heils der Menschen durch die Vollendung seiner selbst.“ (S.166). – Es lohnt sich zu lesen, was Fromm in Folgendem sagt: „Was war dann die messianische Idee der Propheten?“ Dazu schreibt er als erstes: „Die Aufrichtung eines neuen Friedens [man denke hier etwa an die Weihnachtsbotschaft: „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, Lukas 2.14, Lutherbibel 1912; anknüpfend an die Verheißung des Messias], der mehr ist als die Abwesenheit des Krieges, ein Zustand der Solidarität und Harmonie zwischen einzelnen, zwischen den Völkern, zwischen den Geschlechtern, zwischen Menschen und Natur (…)“ (S.167). Die messianische Zeit „in der das, was den Menschen daran hindert, ganz Mensch zu sein, überwunden ist.“ (S.168). Sodann: „Vielleicht hat keine Idee die Entwicklung der Menschheit so beeinflußt wie die messianische.“ (…) „Die messianische Idee wurde weitergetragen. Sie wurde auch immer wieder zerstört, sie wurde auch immer wieder korrumpiert, z.B. im Christentum, in dem sie aber nie ausgestorben, in dem sie als Samen immer lebendig geblieben ist. (…) Ebenso gilt es für den Sozialismus, für den humanistischen Sozialismus von Marx, der rasch und total korrumpiert worden ist in den Erscheinungen der sogenannten sozialistischen Staaten. Aber auch hier ist der Samen nicht ganz vertrocknet (…)“ (S. 168). Und schließlich: „Man kann wohl sagen, daß die moderne Geschichte eigentlich kaum denkbar ist ohne den ungeheuren Einfluß der messianischen Idee (…)“. (S.169).

Bei dieser Behauptung von Erich Fromm denke ich ganz besonders an die erste wirklich erfolgreiche soziale Revolution in der Menschheitsgeschichte, nämlich an die (weltweite) Abschaffung der Sklaverei und Leibeigenschaft im 19.Jhdt. Das hat man mit Sicherheit der christlichen Weltanschauung und dem christlich inspirierten Humanismus zu verdanken. In den USA gab es deswegen ja einen regelrechten Bürgerkrieg, da die Südstaaten an der Negersklaverei festhalten wollten.

6.) Übrigens bezieht sich Erich Fromm bei seinem Enthusiasmus für Karl Marx primär auf dessen philosophische Schriften von 1844, er schreibt: „Ich habe mir öfter das Vergnügen gemacht, verschiedenen Menschen einiges von den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von Marx vorzulesen (…) Daß das von Marx wäre – darauf kam keiner.“ (S.128). Und auf S.19 bringt er solch ein eindrucksvolles Zitat von Marx: „Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur durch Vertrauen etc. … Wenn du Einfluß auf andere Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andre Menschen wirkender Mensch sein. (…)“ (MEGA I,3, S.149). Es geht bei Fromm noch weiter in diesem Marxschen Text. Aber was von Marx hier zitiert wird, bildet einen gewichtigen Teil der Philosophie von Erich Fromm selber, wie sie in dem Buch dargestellt wird.

 

 

 

 

 

 

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